Sonntag, 17. August 2014

Wann erscheint Lilith 4?

Häufig werde ich nach dem Erscheinungsdatum von Lilith 4 gefragt, und mir ist es wichtig, euch wissen zu lassen, dass ich mit dem vierten Teil der Saga gut vorankomme. Ich schreibe wie ein Weltmeister, damit ich euch Vor der Ewigkeit baldmöglichst präsentieren kann. Aber ich will auch nichts hinschludern, sondern mein Bestes geben. Das bin ich euch, meinen Leserinnen und Lesern, schuldig. Und das braucht seine Zeit.
Während ich den dritten Teil der Lilith-Saga geschrieben habe, habe ich von Zeit zu Zeit einen Werkstattbericht veröffentlicht, um euch an meinem Schreibprozess teilhaben zu lassen. Das werde ich ab jetzt wieder machen.
Darüber hinaus habe ich mir aber noch etwas anderes überlegt. Etwas besonderes: Ich werde nach und nach zusätzlich ein paar "deleted scenes" einstellen - manche länger, manche kürzer.
Ich hänge sehr an diesen Szenen und es fiel mir bei jeder einzelnen schwer, sie herauszustreichen. Umso mehr freue ich mich, dass ich sie euch auf diesem Wege doch noch präsentieren kann.
Wie immer bei herausgeschnittenen Szenen - egal ob im Film oder bei Büchern - handelt es sich auch bei meinen deleted scenes um unredigiertes Rohmaterial.
Ich hoffe, dass sie euch gefallen und die Zeit bis zum Erscheinen von Lilith 4 ein wenig kürzer erscheinen lassen.
 
Alles Liebe
 
Roxann

... Und hier folgt die erste Szene. Sie befand sich ursprünglich im ersten Drittel von Lilith 1 und sollte die Hexe Gundula einführen, die in Teil 2 und Teil 3 der Lilith-Saga eine wichtige Rolle spielt. Ich musste das Kapitel letztendllich aber schweren Herzens herausnehmen, um den Erzählfluss zu straffen.
 
Enjoy!

 
Der Nebel wartete. Stumm umschloss er mich, strich mir mit kalten, klammen Fingern die Haut entlang. Die vor mir liegende Straße war die einzige Orientierung, der feste Boden unter meinen Füßen der einzige Halt.

Uferlose Angst schoss mir durch den Körper, lähmte mich für einen Sekundenbruchteil, und dann rannte ich los. Rannte um mein Leben, um zu dem großen Tor zu gelangen. Zu dem Tor, dass mir bislang stets verschlossen geblieben war und das mir trotz allem jetzt als die einzige Zuflucht erschien.
Voller Verzweiflung umklammerte ich die unnachgiebigen Metallstäbe und rüttelte an Ihnen.
Keuchend hielt ich inne und senkte den Kopf. Ich lauschte in die Dunkelheit hinein. Mein Puls überschlug sich, als ich die Schritte hörte, die auf mich zukamen.
Ich fuhr herum. Die Schritte stoppten. Angestrengt versuchte ich, das milchige Weiß mit den Augen zu durchdringen. Meine Panik verstärkte sich mehr und mehr, bis ich meinte, sie würde mir den Brustkorb sprengen. Aber vor mir war nur der Nebel - unbarmherzig, unerbittlich und gefühllos.
Und dann spürte ich mit einem Mal hinter mir ein zweites Bewusstsein. Es beobachtete mich. Es studierte mich als wäre ich eine wehrlose Ratte in einem Versuchslabor. Mein Herz setzte aus. Ich war in der Falle. Es gab kein Entrinnen.
„Komm mit mir“, hörte ich eine seltsam vertraute Stimme sagen. Noch bevor ich reagieren konnte, wurde ich an beiden Schultern gepackt und fortgerissen. Der Nebel wurde immer dichter, er schien mich zu verschlucken. Ich wusste nicht mehr wo ich war, es gab keine Zeit und keinen Raum mehr.
Ich wollte mich losreißen, wollte zurück auf die mir bekannte Allee, die mir mit einem Mal gar nicht mehr fremd und bedrohlich vorkam. Ich kämpfte mit aller Macht, doch ich wurde weitergezerrt, immer tiefer in den weißen Schleier hinein. Ich wollte schreien, doch ich konnte nicht.
Plötzlich war der Nebel verschwunden.
Dunkelheit. Ich sah Sterne am Himmel. Es war nur ein kleines Stück Himmel, eingesperrt zwischen zwei Häuserreihen.
Ich stand in einer engen, altertümlichen Gasse. Niemand hielt mich mehr. Ich war dort ganz allein, die Gasse menschenleer. Es roch nach Fäulnis, Abfall und Fäkalien.
Dann hörte ich ein seltsames Klopfen. Etwas klapperte dumpf über das Kopfsteinpflaster. Ich konnte mir das Geräusch nicht erklären, bis eine junge Frau mit Holzschuhen auf mich zukam. Sie bemerkte mich nicht und hastete die Straße weiter entlang. Ich ging ihr nach, doch sie nahm keine Notiz von mir, als wäre ich unsichtbar.
Es musste sehr kalt sein, denn ich konnte den Atem der Frau deutlich sehen. Sie trug ein langes dunkles Kleid aus Leinen, darüber hatte sie eine Wolljacke gezogen. Ihre Kleidungsstücke waren handgefertigt, grob zusammengeflickt. Sie sahen alt und verbraucht aus. Auf dem Kopf trug die Frau eine weiße Stoffhaube, die an den Enden leicht abstand. Die Frau war wesentlich kleiner als ich.
Sie schien sich zu beeilen. Sie drehte sich öfter um, als wollte sie sichergehen, dass sie nicht verfolgt wurde. Einmal fiel das Mondlicht durch eine Lücke zwischen den Häusern auf ihr Gesicht und ich erkannte, dass sie vollkommen verzweifelt war und weinte. Sie tat mir furchtbar leid.
Gemeinsam bogen wir um die nächste Häuserzeile, die sich zu einem kleinen Platz hin öffnete. In der Mitte des Platzes stand ein Brunnen. Die Frau verharrte und dachte nach. Sie machte einige Schritte zurück, blieb wieder stehen. Allem Anschein nach musste sie eine Entscheidung treffen, die ihr nicht leicht fiel.
Nach einer Weile lief sie gebückt weiter, als wollte sie ihre Körpermitte schützen. Sie überquerte den Platz nicht, sie drückte sich an seinem äußersten Rand im Schatten der Häuser entlang.
Zwischen zwei Gebäuden befand sich ein kleiner, sehr enger Durchgang. Wir folgten ihm und standen schließlich vor einem alten, heruntergekommenen Hinterhaus, das eher an einen Holzschuppen erinnerte. Aus dem einzigen Fenster drang ein schwacher Lichtschein auf den Weg.
Die Frau schien wieder unschlüssig, was sie tun sollte. Erneut drehte sie sich um.
Der widerwärtige Gestank von Unrat war hier wesentlich stärker. Er raubte mir fast den Atem, als er sich in meine Nase ätzte.
Die Frau lehnte sich neben die Tür des Hinterhauses, senkte ihren Kopf, wobei sie beide Hände gegen ihren Unterleib presste. Ich hörte sie leise wimmern.
Lange blieb sie in dieser gekrümmten, leicht schwankenden Haltung, bis sie sich wieder aufrichtete und mit zitternden Händen an die Tür des Schuppens klopfte.
Die Tür öffnete sich einen Spalt. Die Frau flüsterte hindurch. Es klang seltsam, es klang wie Deutsch und doch auch wieder nicht. Ich versuchte, den Sinn zu ergründen und konzentrierte mich auf die einzelnen Worte. Ich hörte zunächst nur „Hilfe“. Dann verstand ich mit einem Mal alles, was gesprochen wurde. Die Frau auf der Straße flehte darum, eingelassen zu werden.
Im Inneren des Hinterhauses befand sich eine andere Frau, die die junge Frau anfänglich wegschicken wollte. Sie sagte der Frau auf der Straße, dass sie ihr nicht helfen könne, die Gefahr sei zu groß. Ganz Rothenburg wisse mittlerweile über sie Bescheid.
Schließlich fiel die hilfesuchende Frau auf die Knie und streckte die Arme aus. „Gundula, du bist meine letzte Hoffnung. Ich blute und habe entsetzliche Schmerzen. Gundula, ich bitte dich als Frau und Mutter, hilf mir, sonst verliere ich mein Kind und mein Leben. Bitte, lass mich ein. Ich schwöre bei allem was mir heilig ist, ich werde dich nicht verraten. Ich flehe dich an, hilf meinem Kind!“
Gundula, die Frau im Innern des Hauses, schien zu überlegen und machte schließlich die Tür auf. Wir beide traten ein.
Für einen Augenblick stutzte Gundula als ich an ihr vorbeiging. Sie blickte forschend in meine Richtung, als hätte sie etwas gespürt, doch dann schloss sie die Tür hinter uns und schob einen Riegel vor.
Wir standen in einem niedrigen Raum, dem einzigen des Hauses. Im hinteren Teil befand sich ein kleiner Kamin aus rußgeschwärztem Naturstein, in dem ein spärliches Feuer flackerte und lange Schatten über den Boden warf. Von der niedrigen Holzdecke hingen verschiedene getrocknete Pflanzen herab, und in dem einzigen Regal standen zahlreiche unterschiedlich große Tongefäße. Neben dem Kamin gab es eine schmale Pritsche, auf der Stroh lag und eine Art Flickendecke.
Auf dem alten Holztisch in der Mitte des Zimmers stand ein Tiegel mit einer weißen Masse. Ein zusammengedrehter Stofffetzen hing heraus. Er brannte zögerlich und verbreitete ein bläuliches Licht.
Die Frau wimmerte wieder und hielt sich am Tisch fest.
„Seit wann hast du diese Schmerzen, Hildegard?“, fragte Gundula, während sie die schwangere Frau stützte.
Ich konnte Gundula nun genau betrachten. Sie war schon älter, relativ groß und hatte ein sympathisches, gefühlvolles Gesicht. Ihre weißgesträhnten Haare hatte sie zu einem Zopf geflochten, der ihr bis fast zur Hüfte reichte. Sie trug einen grauen Kittel und hatte einen Wollschal über ihre Schultern geschlungen. Sie war barfuß.
Gundulas Hände waren kräftig und sahen im flackernden Licht rau und rissig aus, als würde sie viel mit ihnen arbeiten. Mit ihrer linken Hand strich sie über Hildegards Stirn, während sie sie mit der Rechten weiterhin festhielt. Ihre intelligenten Augen blickten voll Mitgefühl auf die Schwangere.
„Erzähl mir, was dich quält.“ Sie führte Hildegard zu der Pritsche und setzte sich neben sie.
Hildegard erzählte von ihrer Schwangerschaft. Wie sie anfänglich gar nichts von dem Kind gemerkt hatte. Nur die körperliche Arbeit sei ihr immer schwerer gefallen. „… Ich konnte die vollen Wassereimer nicht mehr tragen. Nur mit großer Mühe brachte ich das Essen rechtzeitig auf den Tisch. Mein Mann schimpfte mit mir, ich sei faul. Außerdem sei ich nichts wert, weil ich ihm keine Kinder gebären würde. Seine beiden früheren Frauen hätten das Doppelte von mir gearbeitet und ihm jedes Jahr Söhne geschenkt.“
Hildegard schluchzte und es dauerte lange, bis sie weiter-sprechen konnte. „Dann merkte ich, dass ich schwanger war. Ich war überglücklich. Jetzt konnte ich ihm beweisen, dass ich eine gute Frau war. Aber die Arbeit musste getan werden. Ich habe wirklich mein Bestes gegeben, Gundula … Vor einer Woche begannen die Krämpfe. Ich dachte, das würde dazugehören. Doch die Schmerzen wurden stärker, bis ich sie fast nicht mehr aushalten konnte. Seit gestern blute ich und ich kann die Blutung nicht stillen. Du bist meine einzige Hoffnung, Gundula. Nur du kannst mir und meinem Kind jetzt helfen.“
Gundula streichelte weiter über Hildegards Kopf. „Es war richtig, zu mir zu kommen.“
„Ich weiß, dass ich dich in Gefahr bringe, aber ich schwöre dir, wenn es nicht um mein erstes Kind gehen würde, wäre ich nicht hier.“
„Mach dir keine Sorgen, alles wird gut. Dir ist doch keiner gefolgt, oder?“
„Nein, mein Mann schläft. Ich habe aufgepasst, mich hat keiner gesehen.“
„Na siehst du, dann müssen wir keine Angst haben. Leg dich hin, damit ich deinen Bauch abtasten kann. Ich muss sehen, wie viel Leben in deinem Kind ist.“
In diesem Moment erklangen draußen hastige Schritte, die sich schnell näherten. Adrenalin schoss mir ins Blut. Die beiden Frauen schreckten mit panikverzerrten Gesichtern hoch.
Die Tür wurde mit lautem Knall aufgetreten. Schatten drängten in den Raum. Ich konnte die Umrisse von Männern erkennen. Das fahle Licht brach sich auf dem blitzenden Metall von Schwertern und Lanzen.
Hildegard schrie verzweifelt. Die Schatten nahmen mir die Sicht auf Gundula. Ich versuchte, mich zu den beiden Frauen vorzukämpfen, doch ich wurde weggezerrt, in den Nebel hinein, der mich plötzlich wieder umschloss. Die Schreie verloren an Kraft. Die Dunkelheit verschluckte mich.
Das letzte, was ich vernahm war ein samtenes Flüstern, das mir ins Ohr raunte: „Wach auf! So war es wirklich.“
 
Ich schreckte hoch, völlig aufgelöst und fassungslos. Einen solchen Albtraum hatte ich bislang nie gehabt. Wenn ich meine Augen schloss, erinnerte ich mich an jedes noch so kleine Detail, als hätte ich die Geschichte nicht geträumt, sondern wahrhaftig erlebt.
Der Geruch nach Fäulnis und Dreck haftete mir in der Nase und das Geräusch von Hildegards Holzschuhen auf dem alten Steinpflaster tönte in meinen Ohren.
Konnte es sein, dass alles nicht nur ein Traum gewesen war? Hatte die flüsternde Stimme die Wahrheit gesagt? Dieses dunkle Raunen, das immer noch in mir nachklang und dabei das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit hinterließ?
Unvermittelt dachte ich wieder an Hildegards Gesichtsausdruck, als sie völlig verzweifelt und verlassen im Mondschein stand. Und dann dachte ich an Gundula. An die warmherzige, ältere Frau, die alles riskiert hatte, um Hildegard zu helfen.
Das war mehr als ein Traum gewesen.
Instinktiv hatte mich eine grässliche Vorahnung erfüllt, als die Tür eingetreten wurde. Wie sehr hätte ich mir für die beiden Frauen ein Happy End gewünscht. Ich konnte es mir nicht näher erklären, aber ich wusste, dass in jener Nacht dort etwas Schreckliches geschehen war.
Ich erhob mich, um ruhelos in meinem Zimmer auf und ab zu gehen, während mir die Gedanken durch den Kopf schossen. Unschlüssig blickte ich umher. Alles sah aus wie immer, dabei hatte sich so viel verändert. Verändert durch einen einzigen Traum.
Ich musste mir Gewissheit verschaffen. Ich musste wissen, ob Gundula und Hildegard lediglich Hirngespinste waren, oder aber tatsächlich existiert hatten.
Ich griff nach dem Laptop und begann Gundula und Hildegard im Internet zu recherchieren. Zunächst war ich erfolglos.
Was hatte ich auch erwartet? Hatte ich tatsächlich geglaubt, die Lebensgeschichte der beiden Frauen zu finden? Ich hatte geträumt, das war alles – ärgerlich mit mir selbst schüttelte ich den Kopf.
Aber ganz wollte ich nicht aufgeben. Ich probierte es anders. Ich präzisierte meine Eingabe. Und dann, nach einigen Seiten, hatte ich sie gefunden. Ich glaubte es kaum.
Gundula hatte tatsächlich im vierzehnten Jahrhundert in Rothenburg gelebt. Sie war eine erfolgreiche Heilerin gewesen. Einige Male hatte sie schwerkranken Frauen helfen können. Das brachte ihr nicht nur Freunde ein, und bald ging das Gerücht um, Gundula habe einen Pakt mit dem Teufel geschlossen.
In der Nacht des 14. Februar 1412 wurde sie zusammen mit Hildegard, einer anderen Hexe, in ihrem Haus festgenommen, als sie beide versuchten, den Teufel zu beschwören. Laut den Aufzeichnungen waren sie gerade dabei gewesen, dem Satan Hildegards ungeborenes Kind zu opfern, als der Vater des Kindes mit weiteren rechtschaffenen Bürgern in Gundulas Haus gewaltsam eindrang und die beiden Hexen in Eisen legen ließ.
Die beiden Frauen wurden einer hochnotpeinlichen Befragung unterzogen. Nach einigen weiteren Mausklicks wurde mir auch klar, was das bedeutete.
Blankes Entsetzen packte mich. Sie wurden auf jede nur erdenkliche Art und Weise erniedrigt, missbraucht, gequält und gefoltert, bis sie vollkommen gebrochen waren und alles gestanden, was man von ihnen hören wollte. Anschließend wurde das, was von ihnen übrig war und einen Funken Leben besaß, öffentlich ausgestellt und schließlich unter dem Jubel der Zuschauer verbrannt.
Regungslos saß ich vor meinem PC. Ich versuchte, das, was ich gelesen hatte, mit meinem Verstand zu erfassen, um nicht völlig von meinen Gefühlen überwältigt zu werden, um mich selbst zu schützen. Es gelang mir nicht. Ich sah die lodernden Flammen, wie sie hungrig an den festgeketteten Frauen fraßen, beobachtete die Menge, wie sie um das Feuer herumstand - feixend, johlend und feiernd. Niemand hatte Mitleid gehabt. Niemand hatte geholfen.
 

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